Corona-Krise

Auftakt zu einer gelebten Restrukturierungspraxis?

Corona-Krise

Auch wenn derzeit im Vergleich zu den Vorjahren keine signifikante Zunahme der angemeldeten Insolvenzen festzustellen ist, wird die Corona-Krise nicht ohne Folgen bleiben. Voraussichtlich werden etliche wirtschaftlich leidende Unternehmen eine Insolvenz nicht verhindern können. 

Derzeit wird ein realistischer Vergleich verschleiert durch die vom österreichischen Parlament beschlossenen Hilfsmaßnahmen (Stundungen, Kurzarbeit, Kredite etc.), welche die Finanzlast zwar teilweise mildern bzw. auf einen längeren Zeitraum verteilen. Die unter Umständen schwer drückende Schuldenlast wird damit jedoch nicht zur Gänze gehoben, allenfalls der Eintritt der Insolvenz verhindert. Ein zur Antragstellung verpflichtender Insolvenzgrund liegt für Unternehmen nämlich dann vor, wenn Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung bestehen. In einem derartigen Fall ist unverzüglich, spätestens bis 60 Tage nach Eintritt der Insolvenz, ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen. Diese Maximal-Fristen wurden – so die Zahlungsunfähigkeit bzw. die Überschuldung auf die Corona-Krise zurückzuführen ist – verlängert auf 120 Tage. Für den Fall der Überschuldung wurde die Pflicht zur Antragstellung bei bis zum 31.1.2021 eintretender Überschuldung gehemmt, wobei das Ende der Frist mit entweder 60 Tagen nach dem 31.1.2021 oder 120 Tagen nach Überschuldung bestimmt wurde, je nach- dem, welcher Zeitpunkt später eintritt. 

Unabhängig von der Frage, ob ein Insolvenzgrund eintritt, wird ein Geschäftsführer gut daran tun, eine Sanierung bzw. Umstrukturierung des Unternehmens anzudenken, wenn Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung drohen. Denn unter Umständen lässt sich hierdurch eine Insolvenz noch vermeiden. Eine Unternehmens- Restrukturierung ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn ein in Schieflage befindliches Unternehmen nach Durchführung der geplanten Maßnahmen wieder in die Lage versetzt werden kann, eigenständige Gewinne zu erwirtschaften, und wenn die Sanierung den Beteiligten wirtschaftlich sinnvoller erscheint als der Weg in die Insolvenz. Um eine Unternehmensrestrukturierung bzw. Sanierung des Unternehmens angehen zu können, ist es zunächst erforderlich, die strategischen Parameter des jeweiligen Unternehmens zu analysieren und zu hinterfragen. Denn der fehlende wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens und die sich daraus ergebenden Liquiditätsschwierigkeiten sind zwangsläufig das Ergebnis einer fehlerhaften strategischen Ausrichtung. Wenn es beizeiten gelingt, z.B. die Kundenbeziehungen zu stärken, weitere Potenziale auszuschöpfen, neue Produkte anzubieten, die Produktion kosteneffizient umzustellen oder die Werbung zu optimieren, lassen sich möglicherweise die Weichen noch stellen, bevor die Erträge sinken oder Liquiditätsschwierigkeiten eintreten. 

Gehen die Erträge zurück und ist die Liquidität problematisch, müssen rasch entsprechende Gegenmaßnahmen gesetzt werden, die die Liquidität sichern und eine positive Fortbestehensprognose ermöglichen. Je früher reagiert wird, desto größer sind naturgemäß die Chancen für eine erfolgreiche Restrukturierung. Eine Planung einer Sanierung bzw. Umstrukturierung scheitert oft daran, dass zu lange zugewartet wurde und die Insolvenz erst in letzter Sekunde abgewendet werden soll. Das Erstellen eines gesamtheitlichen Konzepts, in dem die zu treffenden Maßnahmen festgelegt werden, ist zeitkritisch – insbesondere im Hinblick auf die geltenden Antragsfristen. Um Investoren von der Sinnhaftigkeit einer Sanierung zu überzeugen ist oftmals ein entsprechendes (erst zu erstellendes) Sanierungsgutachten sinnvoll, was weitere Zeit in Anspruch nimmt. Durch ein vernünftiges Maßnahmen-Konzept kann unter Umständen das Ruder noch einmal herumgerissen werden. Hierzu wird es kurzfristig darauf ankommen, Liquidität zu schaffen, etwa durch Veräußerungen von Unternehmenswerten (Sale & Lease back, Patente etc.) aber auch langfristig das Geschäftsmodell strategisch so umzustellen, dass mehr Erträge bei weniger Kosten erzielt werden können – etwa im Produktionsbereich durch Senkung der Stückkosten. Ein wesentlicher Faktor bzw. die Basis für eine mögliche Umstrukturierung kann auch die Gewinnung von Investoren bzw. von sonstigem Fremdkapital sein. 

Grundsätzlich sind derartige Umgestaltungen und Restrukturierungen nicht an ein rechtliches Korsett gebunden, wobei eine Sanierung oftmals von der Mitwirkung (bzw. dem Stillhalten) der Gläubiger abhängt, was in einem formalen Rahmen unter Umständen einfacher zu erreichen wäre. Auch wenn etwa das Unternehmensreorganisationsgesetz („URG“) in Österreich einen derartigen (außergerichtlichen) Rahmen für eine Restrukturierung zur Verfügung stellt, hat sich das Verfahren nach dem URG in der Praxis nicht durchgesetzt. Dies insbesondere, weil die Kosten für den im Rahmen dieses Verfahrens vorgesehenen Reorganisationsprüfer sehr hoch sind und mit der Einleitung eines Reorganisationsverfahrens in der Regel eine Rufschädigung befürchtet wird. Im europäischen Kulturkreis, der – anders als etwa der amerikanische – einem Unternehmer eine Insolvenz kaum verzeiht, ist die Notwendigkeit einer Reorganisation bereits mit dem Nimbus des beruflichen Scheiterns behaftet. Möglicherweise wird im Zusammenhang mit der Corona-Krise ein Umdenken eintreten, was die Chance einer gesichtswahrenden Umstrukturierung und Reorganisation birgt. 

Vielleicht gelingt es dem österreichischen Gesetzgeber mit der Umsetzung der Restrukturierungsrichtlinie (Richtlinie (EU) 2019/1023), die im Wesentlichen bis Juli 2021 in nationales Recht umzusetzen ist, eine attraktive gesetzliche Situation zu schaffen, auf deren Basis die drohende Flut von Insolvenzen durch vernünftige Umstrukturierungen verhindert werden kann. Die Richtlinie soll für noch nicht insolvente Unternehmen gelten, die im Regelfall in Eigenverwaltung fortgeführt werden – im Hinblick auf den zu erarbeitenden Restrukturierungsplan mit Unterstützung eines Verwalters. Grundsätzlich ist eine (zeitlich begrenzte) Vollstreckungs- und Insolvenzsperre ebenso vorgesehen wie eine Vertragsauflösungssperre, die den Unternehmensfortbestand schützt. Die Reorganisation über dieses formale – den Zeitdruck mindernde – Verfahren könnte, wenn es gut gemacht ist, Anreize schaffen, die Insolvenz mittels einer vernünftigen Sanierung abzuwenden. Es ist zu hoffen, dass die Umsetzung der Richtlinie in Österreich so gelingt, dass diese – anders als die bisherigen Regelungsversuche – in der Praxis angenommen wird. 

Autor:

Mag. VALENTIN NEUSER, Managing Partner, Head of German Desk und Mediator bei LANSKY, GANZGER + partner

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