Newsroom / News / Medien / Infomagazin LGP News 01/2020 / Krise als Chance und Herausforderung

Krise als Chance und Herausforderung

Krise als Chance und Herausforderung

Die Coronavirus-Pandemie stellt Wirtschaftsmodelle und Rechtsgepflogenheiten infrage und setzt Unternehmer wie auch Juristen unter Druck. Was wird von der Krise bleiben und von welchen Maßnahmen sollten wir uns schnell wieder verabschieden? Philipp Freund, Policy Advisor bei LGP, befragte dazu Strategieberater Markus Petzl und LGP Gründungspartner Gerald Ganzger im Zuge einer Videokonferenz.


Philipp Freund: Gibt es eine Zeit nach der Coronakrise? Wie könnte diese aussehen?

Markus Petzl: Natürlich gibt es eine Zeit nach der Krise. Auch wenn es vielleicht wenigen Menschen bewusst ist, wissen wir recht gut über die Zeit danach Bescheid. Immerhin können wir auf einen reichen Erfahrungsschatz vergangener Krisen zurückgreifen und schauen, was passiert bei einer Rezession oder Depression. Wir haben also eine Vorstellung davon, wie wichtige Kennzahlen reagieren oder wie Märkte und Preisgefüge reagieren werden. Viel schwieriger ist es aktuell nicht zuletzt für Unternehmen, die Krisenzeit selbst zu meistern. Hier bewegen wir uns tatsächlich im sprichwörtlichen Neuland.

Gerald Ganzger: Auch im rechtlichen Sinne gibt es natürlich eine Zeit nach Corona. Wir erleben derzeit eine juristisch unglaublich herausfordernde Zeit: Einerseits hat der Gesetzgeber sehr kurzfristig zahlreiche Gesetze erlassen oder geändert, um der Situation Herr zu werden. Nach der Coronakrise müssen wir als Gesellschaft entscheiden, welcher neue Rechtsbestand sinnvollerweise beibehalten werden soll. Förderungen etwa wird man nicht von einem Tag auf den anderen abdrehen können und auch die Kurzarbeitsregelungen werden vermutlich verlängert werden müssen.

Andererseits erleben wir auch weitreichende Eingriffe in die Grundrechte – hier müssen insbesondere wir Juristen achtgeben, dass diese sobald wie möglich zurückgefahren werden. Zudem lässt sich jetzt schon absehen, dass weite Teile vertraglicher Bestände zu überarbeiten sind. Das betrifft unter anderem etwa das Mietrecht, aber auch das Arbeitsrecht – Stichwort Homeoffice – und nicht zuletzt den wichtigen Begriff der „Höheren Gewalt“ im Vertragsrecht.

Freund: Herr Petzl, lassen sich die Rezepte zur Überwindung vergangener Krisen so einfach auf die aktuelle Situation umlegen?

Petzl: Die Muster sind in vielen Krisen ähnlich: Der Arbeitsmarkt fährt herunter, danach erwartet uns eine Diskussion, was wie viel kostet oder wert ist – hier erwarte ich keine großen Änderungen. Allerdings besteht kein Zweifel daran, dass jede Krise auch ein Katalysator für Neues ist und oft bestimmten Technologien und Instrumenten erst zu einem breiteren Durchbruch verhelfen. In der heutigen Situation denke ich dabei vor allem an die Möglichkeiten, welche digitale Vertriebskanäle und Homeoffice Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eröffnen.

Derartige Technologien waren nach der Finanzkrise 2008 und in den vorangegangenen Krisen schlicht nicht vorhanden. Sie etablieren sich in Zuge der aktuellen Krise gerade in zahlreichen Unternehmen als neuer Alltag und werden sich im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld des Nachkrisenmarktes, wo Kosten ein wichtiger Faktor sind, bis zu einem gewissen Grade halten. Statt Geschäftsreisen werden wir vermehrt Videokonferenzen sehen, insbesondere da die Flugpreise wohl nicht allzu schnell wieder auf ihr Vorkrisenniveau sinken werden.

Aber auch von staatlicher Seite wird es neue Ansätze geben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, etwa bei Förderpaketen. Ich sehe hier eine große Chance, unseren Wirtschaftskreislauf auf nachhaltigere Beine zu stellen – beispielsweise mithilfe von Initiativen wie dem Green Deal der EU, welcher knapp vor Ausbruch der Pandemie beschlossen wurde. Die Autoindustrie steht weltweit still, warum sollten wir nach der Krise wieder zu Verbrennungsmotoren zurückkehren? Insofern ist die Krise eine gute Möglichkeit, neue Wege zu gehen.

Ganzger: Die juristische Aufarbeitung der Corona-Pandemie wird sich sicher an Mustern der Vergangenheit und vor allem an der Zeit nach der Finanzkrise orientieren. Wir erleben gerade unglaubliche Schäden für die Wirtschaft. Hier werden natürlich viele Betroffene versuchen, den Schaden zu verkleinern, also jemanden zu finden, der den Schaden mitträgt. Gleichzeitig bedeutet die aktuelle Situation eine enorme Belastung vor allem für kleine Unternehmen, aber auch für ganze Sektoren wie Tourismus und Gastronomie. Viele werden die entgangenen Gewinne alleine nicht stemmen können und dadurch kommen viele Verfahren auf uns zu.

Wir werden deshalb darüber nachdenken müssen, ob bestimmte rechtliche Vorschriften für gewisse Bereiche in dieser Form überhaupt krisenfit sind und ob wir sie nicht ändern müssen. Ich denke hier an das Insolvenzrecht, das natürlich für eine solche Krise nicht wirklich geeignet ist: Eine Aussetzung der Insolvenz ist nicht vorgesehen, ebenso wenig eine automatische Verlängerung der Antragsfristen – aber das wird wohl notwendig sein, wenn nicht für die aktuelle Krise so zumindest, um für kommende gerüstet zu sein. Auch in Bezug auf die angesprochenen neuen Technologien muss man sich fragen, ob unser Rechtssystem für diese überhaupt schon fit ist: Da gibt es viele offene Fragen etwa im Zusammenhang mit Datenschutz. Erst vor zwei Jahren haben sich die betroffenen Unternehmen und Personen mit viel Aufwand und Mühe auf die EU-Datenschutzgrundverordnung eingestellt. Diese Datenschutzgrundverordnung hat in ihrer Entstehung 9 Jahre gebraucht und erlebt jetzt einen Härtetest, der zeigt, dass wohl einige Anpassungen notwendig sein werden. Hier kommt noch sehr viel Arbeit auf uns zu.

Petzl: Was früher 9 Jahre gedauert hat, geht aber heute mitunter sehr viel schneller. Das digitale Rezept vom Arzt, über das jahrelang gestritten wurde, ist binnen eines Tages möglich gewesen und es gibt eigentlich keinen Grund, das wieder zurückzunehmen. Da merkt man einmal, was Systeme eigentlich können, wenn sie nur wollen.

Freund: Was wird von der Krise bleiben, was können wir mitnehmen?

Petzl: Die Krise zwingt uns, in der Gesellschaft ganz viel neu zu verhandeln. Insofern bietet diese schwere Zeit auch eine Riesenchance, sich als Unternehmen oder Person neu zu erfinden.

Ganzger: Zwei Sachen werden ganz sicher und schnell kommen: Einerseits eine Prozesslawine, wo wir auch zahlreiche Sammelklagen erwarten, und andererseits die Notwendigkeit, Verträge derart anzupassen, dass sie für kommende Krisen fit sind – Stichwort mehr Flexibilität im Arbeitsrecht oder Regelungen im Zusammenhang mit höherer Gewalt. Was mir aber persönlich besonders am Herzen liegt, ist darauf zu achten, dass wir unsere aktuell eingeschränkten Grundrechte in vollem Umfang wieder zurückbekommen.

Autoren:

Dr. Gerald Ganzger, Managing Partner bei LANSKY, GANZGER + partner
Philipp Freund, M.A., B.A., Policy Advisor, Business Development, Westbalkan & SEE Desk bei LANSKY, GANZGER + partner

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