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„FIFA-Packs“ und „Pokemon-Karten“ als Glücksspiel?

Beim klassischen Glücksspiel im Casino wird mit einem Einsatz eine Chance auf einen Gewinn erkauft. Es werden also bspw. Casino-Chips mit Euro erworben, diese Chips dann auf eine Zahl beim Roulette gesetzt und abhängig von einem zufälligen Element, verliert man den Einsatz oder bekommt mehr Chips. Sollte zweiteres der Fall sein, kann man die Casino-Chips wieder in Euro umtauschen und hat im Idealfall mehr in der Geldbörse als beim Betreten des Casinos.

Beim sog. Spielmodus „FUT“ (FIFA Ultimate Team) des beliebten Fußballsimulationsspiel „FIFA“ kann man mit realem Geld sog. „FIFA-Packs“ erwerben. In diesen „FIFA-Packs“ befinden sich entweder gute oder schlechte Spieler. Nach den Vorstellungen der Entwickler ist hier – also nach Öffnen der „FIFA-Packs“ – das Ende der Fahnenstange bzw. das Ende eines Bezuges zur realen Welt erreicht. Laut den AGB ist es nämlich nur möglich die gezogenen, mehr oder weniger guten Spieler in seinem Team einzusetzen oder auf dem spielinternen Marktplatz gegen sog „FIFA-Coins“ (In-Game-Currency; spielinterne Währung) zu verkaufen.

Die Situation zum klassischen Glücksspiel unterscheidet sich somit insofern, als nach den bisherigen Ausführungen, die aus dem Roulettespiel gewonnen Chips nach dem Casino-Besuch in eine „harte“ Währung, bspw. den Euro getauscht werden können. Die aus den „FIFA-Packs“ gezogenen Spieler jedoch nicht. Sie stellen – so die Konzeption der Entwickler – keine geldwerte Leistung dar.

Doch eine schnelle Google-Suche offenbart den Trugschluss. Denn eine Reihe an zwar unlizenzierten, jedoch hochprofessionellen Plattformen im Internet verkauft einzelne Spieler an gut betuchte Nutzer bzw. ihre Accounts bezahlt werden kann mit allen geläufigen Zahlungsmethoden.

Wer keine Lust oder nicht das notwendige Glück hat, Paris St. German Star Kylian Mbappé in einem „FIFA-Pack“ zu ziehen, kann daher auch ganz einfach 1293.41 USD überweisen. Genauso leicht kann man dort auch die eigentlich rein spielinterne Währung „FIFA-Coins“ kaufen und verkaufen. Auch wenn der Handel auf einem solchen Sekundärmarkt durch die AGB unzweideutig verboten wird, verwischt allein die Existenz eines solchen Marktes den Unterschied zu dem eingangs dargestellten „klassischen Glücksspiel“, weil nunmehr der Inhalt der „FIFA-Packs“ – in der Analogie zum Glücksspiel also die Casino-Chips – sehr wohl einen Preis in der „echten Welt“ bekommen.

Beginn einer Judikaturlinie durch das BG Hermagor?

Genau das hat das BG Hermagor festgestellt und einem FIFA-Spieler das für die „FIFA-Packs“ aufgewendete Geld zugesprochen. Weil „FIFA-Packs“ Glücksspiel darstellen, würden es dafür in Österreich aufgrund des staatlichen Monopols nach wie vor einer Lizenz bedarf und dieser Regelung zuwiderlaufende Glücksspielverträge somit null und nichtig sind, muss Sony (die Beklagte in diesem Verfahren) 375 € zurückzahlen.

In der gesamten (zumindest österreichischen) Gaming-Industry geht ein Raunen um. Ähnlich wie beim Öffnen eines „FIFA-Packs“ kann unseres Erachtens vermutet werden, dass auch das BG Hermagor sich bei der Urteilsfindung nicht völlig bewusst war, was dieser Schritt tatsächlich in sich birgt. Sollte diese Entscheidung zur ständigen Rechtsprechung werden, wären alle derartigen Formen von Lootboxen (so heißen käuflich erwerbbare Bündel von Spielelementen, bei denen der Zufall entscheidet, wie wertvoll die darin enthaltenen Spielelemente sind), für die ein Sekundärmarkt besteht, unzulässig. Neben FIFA betrifft dies fast alle sog Ego-Shooter und noch eine Vielzahl an anderen Spielen.

Übertragung auf Sammelkarten?

Doch sind die Grundsätze dieser Rechtsprechung nicht auch in der analogen Welt anwendbar? Älteren oder analogen Spielern und Sammlern könnte das Konzept von den „Panini-Pickerln“ oder anderen Sammelkarten, wie bspw. „Pokemonkarten“ bekannt sein. Konsequent zu Ende gedacht, müssten die oben erörterten Prinzipien auch auf diese Sammelkarten anwendbar sein. Ich kaufe mit Geld eines der Päckchen, ohne zu wissen was darin ist, dies entscheidet der Zufall. Mit Glück erhalte ich eine besonders wertvolle Karte, die dann auf dem Sekundärmarkt auch monetarisiert werden könnte. 2020 wurde die „Pokemonkarte“ „Pikachu Illustrator“ für stolze 230.000 USD versteigert.

Nicht zuletzt aufgrund der kaum gebrochenen Popularität von Online-Handel-Plattformen existiert mittlerweile de facto für fast alles ein Sekundärmarkt im Internet. Das BG Hermagor hat zwar erkennen lassen, dass dieser Sekundärmarkt nicht völlig vernachlässigbar sein darf, für eine Definition genauer Grenzen oder Kriterien muss allerdings auf Folgejudikatur gewartet werden.

Abgesehen von dieser anscheinend zentralen, jedoch noch näher zu bestimmenden Voraussetzung eines Sekundärmarktes könnten auch noch andere (fehlende) Kriterien die Übertragbarkeit der „Glücksspiel-Rechtsprechung“ auf viele andere, bisher als völlig unbedenklich angesehene Produkte wieder ein wenig einschränken.

Unseres Erachtens kommt die Anwendung auf die beliebten Panini-Pickerl nicht in Frage. Es fehlt hier an der zwingend notwendigen Konnexität zwischen dem aleatorischen Element und der chronologisch zweitgelagerten vermögenswerten Leistung, also jener vermögenswerten Leistung, die auf dem Sekundärmarkt durch einen Verkauf erzielbar wäre. Denn es ist zwar durchaus möglich, einzelne „Panini-Pickerl“ zu bestellen, dabei kosten jedoch alle Spieler gleich viel, egal ob brasilianischer Weltstar oder österreichischer Provinzspieler. Auch ist die Chance, einen bestimmten Spieler in einem „Packerl“ zu ziehen, zumindest laut Hersteller Panini für alle Spieler gleich hoch.

Anderes muss unseres Erachtens e contrario für „Pokemonkarten“ oder ähnliche Sammelkarten gelten, bei denen einige besondere Karten seltener sind als andere und solche Karten auch auf dem Sekundärmarkt einen deutlich höheren Verkaufspreis erzielen. Dort wären die klassischen Glücksspiel-Voraussetzungen (Kauf einer Chance mit vermögenswerter Leistung, deren zufallsabhängiges Ergebnis für eine vermögenswerte Leistung verkauft werden kann) erfüllt. Auch eine etwaige Erheblichkeitsschwelle des Sekundärmarktes kann bei Transaktionen von sechsstelligen Dollarbeträgen für eine „Pikachu-Karte“ wohl als überschritten angesehen werden. Diese Ansicht führt jedoch unweigerlich zu dem Ergebnis, dass der Verkauf von „Pokemonkarten“ in Österreich nicht nur unzulässig ist, sondern Käufer auch ihr Geld zurückfordern könnten.

Noch ist es zu früh, eine endgültige Linie der Rechtsprechung erkennen zu können. Aufgrund des geringen Streitwerts konnte gegenständlicher Fall vor dem BG Hermagor schon aus formalen Gründen nicht zum OGH. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die großen Games-Entwickler den Instanzenzug durchschreiten werden, schließlich sind vor allem im Online-Gaming Lootboxen eines ihrer lukrativsten Features.